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Der Gartenzwerg kommt aus Thüringen: Die erstaunliche Geschichte des kleinen Mannes mit der roten Mütze

Klassischer Keramik-Gartenzwerg mit roter Zipfelmütze und weißem Bart in einem Herbstbeet zwischen orangefarbenen Kürbissen und lila Astern
Rote Mütze, weißer Bart, ernste Miene: Der Gartenzwerg steht seit weit über 100 Jahren in deutschen Gärten. (Symbolbild: Immomeg)

Steinerne Zwerge standen schon in barocken Gärten. Den Gartenzwerg aus Ton, wie wir ihn kennen, gibt es aber erst seit dem 19. Jahrhundert, und seine Heimat liegt in Thüringen. Eine Geschichte mit Bergleuten, Befreiungsaktionen und einer Weltreise.

6 Min. Lesezeit Geprüft am 12.10.2026

Das Wichtigste in Kürze

  • Zwergenfiguren aus Stein gab es schon in barocken Gärten, etwa im Mirabellgarten in Salzburg.
  • Der Gartenzwerg aus Ton entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gräfenroda in Thüringen; als einer der Pioniere gilt der Töpfer Philipp Griebel.
  • Mütze, Laterne und Spitzhacke werden oft mit Bergleuten und den Sagen von hilfreichen Zwergen unter Tage erklärt.
  • Keramikzwerge sollten im Winter frostfrei oder zumindest trocken stehen, weil gefrierendes Wasser in Rissen die Glasur absprengt.
Inhalt dieses Artikels
  1. Steinerne Vorfahren: Zwerge im Schlossgarten
  2. Gräfenroda: Wo der Zwerg aus Ton zur Welt kam
  3. Mütze, Laterne, Spitzhacke: Ein Bergmann im Blumenbeet
  4. Vom Exportschlager zum Weltreisenden
  5. Wenn Zwerge die Nachbarn ärgern
  6. Wie Herbert heute durch den Winter kommt
  7. Häufige Fragen

Herbert hat keine Nasenspitze mehr. Sie ist abgeplatzt, lange bevor er bei mir eingezogen ist, und seitdem schaut er ein bisschen verschnupft unter seiner roten Mütze hervor. Herbert ist ein Gartenzwerg aus Keramik, gut 30 Zentimeter groß, mit einer Laterne in der Hand. Jahrzehntelang stand er im Kleingarten meiner Großeltern in Hannover. Seit ich ihn von meinem Opa geerbt habe, wacht er in meinem Garten bei Lüneburg über den Teich.

Ja, ich bin Gärtnermeisterin, und ja, ich habe einen Gartenzwerg. Die Kollegen in der Staudengärtnerei haben darüber gern gegrinst. Mir ist das herzlich egal, Herbert gehört dazu wie die alten Obstbäume.

Irgendwann wollte ich wissen, woher so ein Zwerg eigentlich stammt. Nicht Herbert persönlich, das weiß niemand mehr, sondern seine ganze Verwandtschaft. Die Spur führt nach Thüringen, in einen kleinen Ort namens Gräfenroda. Angefangen hat die Geschichte aber noch früher, in den Gärten des Barock.

Steinerne Vorfahren: Zwerge im Schlossgarten

Zwergenfiguren sind keine Erfindung der Kleingärtner. Schon in barocken Gärten standen sie, allerdings aus Stein und in sehr vornehmer Umgebung. Ein bekanntes Beispiel ist der sogenannte Zwergelgarten im Mirabellgarten in Salzburg, wo bis heute steinerne Zwerge zu sehen sind.

Das war Gartenkunst für Schlösser und Residenzen, nichts für den Vorgarten eines Handwerkers. Bis die Zwerge bei ganz normalen Leuten einzogen, sollte es noch dauern. Dafür brauchte es ein anderes Material und Menschen, die solche Figuren in einer Werkstatt herstellen konnten.

Gräfenroda: Wo der Zwerg aus Ton zur Welt kam

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tauchte er dann auf, der Gartenzwerg, wie wir ihn heute kennen: aus gebranntem Ton, bunt bemalt und so klein, dass er in jeden Garten passt. Seine Heimat ist Gräfenroda in Thüringen.

Als einer der Pioniere gilt der Töpfer Philipp Griebel, der dort Figuren aus Terrakotta herstellte. Terrakotta heißt nichts anderes als gebrannte Erde, also unglasierter, gebrannter Ton. Griebel war wohl nicht der Einzige im Ort, der sich auf solche Figuren verstand. Aber wer nach den Anfängen des Gartenzwergs fragt, landet früher oder später bei ihm.

Ob Herbert aus Gräfenroda stammt, kann ich nicht sagen. Auf seiner Unterseite ist nichts Lesbares mehr zu erkennen, nur ein paar Krümel Erde aus mehreren Jahrzehnten.

Ältere Frau mit weißen Haaren und Brille bemalt in einer kleinen Töpferwerkstatt Keramik-Gartenzwerge, dahinter Regale voller Zwerge
Handarbeit mit feinem Pinsel: Bei Keramikzwergen bekommt jede Mütze ihre Farbe einzeln.

Mütze, Laterne, Spitzhacke: Ein Bergmann im Blumenbeet

Schauen Sie sich einen klassischen Gartenzwerg einmal genau an. Er trägt oft Dinge bei sich, die nicht so recht in einen Garten passen. Eine Laterne zum Beispiel, obwohl er doch draußen im Hellen steht. Oder eine Spitzhacke, mit der man kein Beet umgräbt.

Das wird oft mit dem Bergbau erklärt. In vielen Gegenden Mitteldeutschlands prägte er über Jahrhunderte das Leben, und mit ihm die Sagen von kleinen, hilfreichen Zwergen, die unter Tage arbeiten. Die gängige Deutung sieht so aus:

  • Die rote Zipfelmütze erinnert an alte Bergmannsmützen.
  • Die Laterne steht für das Licht im Stollen.
  • Spitzhacke und Schaufel sind das Werkzeug der Bergleute.

Ob jeder Töpfer damals genau daran gedacht hat, weiß niemand so genau. Die Erklärung passt aber erstaunlich gut. Herbert jedenfalls hält seine Laterne mit einem Ernst, als müsste er gleich zur Frühschicht einfahren.

Vom Exportschlager zum Weltreisenden

Der Zwerg aus Thüringen blieb nicht lange zu Hause. Er wurde schnell ein Exportschlager, auch nach England. Heute werden die meisten Gartenzwerge im Ausland gefertigt, oft aus Kunststoff. In Gräfenroda wird die Tradition aber bis heute gepflegt.

Ruhig wurde es um den kleinen Mann trotzdem nie. In den 1990er-Jahren machte in Frankreich eine selbst ernannte Befreiungsfront Schlagzeilen, die Gartenzwerge aus fremden Gärten holte, um sie zu befreien. Was die Besitzer davon hielten, kann man sich denken.

Im Jahr 2001 kam dann der große Auftritt im Kino. In „Die fabelhafte Welt der Amélie“ schickt die Heldin den Gartenzwerg ihres Vaters heimlich auf Weltreise, und der Vater bekommt Fotos seines Zwergs vor Sehenswürdigkeiten aus aller Welt. Damit wurde der reisende Gartenzwerg weltberühmt. Ich habe den Film damals im Kino gesehen und musste bei dieser Szene sofort an Herbert denken. Der stand zu der Zeit noch bei meinen Großeltern zwischen den Bohnen und ist nie weiter gereist als bis nach Lüneburg.

ZeitStation in der Zwergengeschichte
BarockSteinerne Zwerge in Schlossgärten, etwa im Mirabellgarten in Salzburg
zweite Hälfte des 19. JahrhundertsZwerge aus Ton entstehen in Gräfenroda, Philipp Griebel gilt als einer der Pioniere
danachDer Gartenzwerg wird zum Exportschlager, unter anderem nach England
1990er-JahreEine selbst ernannte Befreiungsfront in Frankreich holt Zwerge aus Gärten
2001Der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ macht den reisenden Zwerg berühmt
heuteMeist im Ausland gefertigt, oft aus Kunststoff; in Gräfenroda lebt die Tradition weiter

Wenn Zwerge die Nachbarn ärgern

So harmlos er aussieht: Auch deutsche Gerichte mussten sich schon mit Gartenzwergen beschäftigen. Dabei ging es zum Beispiel um Figuren, die eher provozieren als erfreuen sollten, etwa im Streit unter Nachbarn oder in Eigentümergemeinschaften.

Wie so ein Streit ausgeht, hängt immer vom Einzelfall ab. Wer in einer Wohnungseigentümergemeinschaft lebt und den gemeinsamen Garten schmücken möchte, spricht das besser vorher ab. Mieter mit Gartenanteil werfen einen Blick in Mietvertrag und Hausordnung. Und wenn es doch kracht, helfen Eigentümerverband, Mieterverein oder ein Anwalt weiter.

Bei uns im Dorf hat Herbert noch keinen Streit ausgelöst. Er guckt aber auch freundlich.

Wie Herbert heute durch den Winter kommt

Mittlerweile habe ich eine Theorie zu Herberts Nase. Keramik und Frost vertragen sich schlecht. Dringt Wasser in feine Risse ein und gefriert, dehnt es sich aus und sprengt Stücke der Glasur ab. Genau so sieht seine Nase aus.

Seitdem zieht Herbert jeden Herbst um, und zwar ins Treppenhaus zu meinem Oleander. Wie ich die Kübelpflanzen durch den Winter bringe, steht im Beitrag Kübelpflanzen überwintern. Für Herbert gilt ein einfacheres Programm:

  1. Vor dem ersten Frost hereinholen und Erde und Moos mit einer weichen Bürste entfernen.
  2. Ein paar Tage gut durchtrocknen lassen.
  3. Frostfrei lagern, zum Beispiel im Keller oder im Treppenhaus.

Wer heute einen neuen Zwerg kauft, hält meist einen aus Kunststoff in der Hand. Der ist leichter und übersteht einen Sturz auf die Terrassenplatten eher. Ich gebe trotzdem zu: Einem Zwerg aus Keramik sieht man sein Alter an, und genau das mag ich an Herbert.

Im April kommt Herbert dann wieder an den Teich, und jedes Jahr denke ich dasselbe: Für einen Zwerg mit so einer Familiengeschichte hält er sich erstaunlich bescheiden zurück.

Häufige Fragen

Woher kommt der Gartenzwerg?

Steinerne Zwergenfiguren gab es schon in barocken Gärten, etwa in Salzburg. Der Gartenzwerg aus Ton, wie wir ihn kennen, entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gräfenroda in Thüringen.

Wer hat den Gartenzwerg erfunden?

Einen einzelnen Erfinder kann man nicht sicher benennen. Als einer der Pioniere gilt der Töpfer Philipp Griebel, der in Gräfenroda Figuren aus Terrakotta herstellte.

Warum tragen Gartenzwerge eine rote Mütze?

Das wird oft mit dem Bergbau erklärt. Die rote Zipfelmütze erinnert an alte Bergmannsmützen, Laterne und Spitzhacke an die Arbeit unter Tage, und dahinter stehen die alten Sagen von hilfreichen Zwergen im Berg.

Können Gartenzwerge im Winter draußen bleiben?

Zwerge aus Keramik lagern Sie besser frostfrei oder stellen sie zumindest trocken. Wasser, das in Risse eindringt und gefriert, kann die Glasur absprengen.

Quellen und Grundlagen

  • Ortsgeschichte Gräfenroda (Thüringen) zur Herstellung von Gartenzwergen
  • Mirabellgarten Salzburg: Zwergelgarten
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, Sneewittchen
  • Die fabelhafte Welt der Amélie, Spielfilm, Frankreich 2001, Regie Jean-Pierre Jeunet

Stand: 12. Oktober 2026.

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