Sankt Martin: Warum Kinder mit Laternen durch die Straßen ziehen (und was die Gans damit zu tun hat)
Ein römischer Soldat teilt seinen Mantel mit einem Bettler, schnatternde Gänse verraten ein Versteck, und am Ende hat der Weckmann eine Tonpfeife im Arm. Was hinter den Bräuchen zum Martinstag steckt und wie die Laterne den Umzug heil übersteht.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Martinstag am 11. November ist der Tag, an dem Martin von Tours im Jahr 397 beigesetzt wurde, gestorben war er drei Tage vorher.
- Der Legende nach versteckte sich Martin in einem Gänsestall, um nicht Bischof werden zu müssen, und die Gänse verrieten ihn mit ihrem Geschnatter.
- Der Martinstag war früher ein wichtiger Termin für Pacht, Zins und Lohn, und vor einer anschließenden Fastenzeit wurde noch einmal üppig gegessen.
- In Laternen von kleinen Kindern ist ein batteriebetriebener LED-Stab die sicherere Wahl als eine echte Kerze.
Inhalt dieses Artikels
Seit einer Woche liegt bei uns auf dem Küchentisch eine Schicht aus Transparentpapier-Schnipseln, die sich durch keinen Staubsauger der Welt vollständig entfernen lässt. Meine Tochter bastelt ihre Laterne für den Martinszug der Kita. Es wird ein Fuchs, sagt sie. Im Moment sieht er noch aus wie ein orangefarbener Lampenschirm mit Ohren.
In Köln kommt man an Sankt Martin nicht vorbei. Hier in Ehrenfeld ziehen Anfang November an mehreren Abenden Kindergruppen mit Laternen durch die Straßen, vorneweg ein Reiter mit rotem Mantel, hinterher Eltern mit Thermoskannen. Aus den Bäckereien duftet es nach Weckmännern.
Als meine Tochter mich letztes Jahr fragte, warum man das eigentlich macht, musste ich passen. Also habe ich nachgelesen. Hier steht, was ich herausgefunden habe, und was ich als Haushaltsredakteurin zur Laterne selbst noch beisteuern kann.
Wer war Sankt Martin?
Martin wurde um das Jahr 316 in Savaria geboren, dem heutigen Szombathely in Ungarn. Sein Vater war römischer Offizier, und auch Martin wurde Soldat. Das meiste, was wir über ihn wissen, stammt aus einer Lebensbeschreibung, die sein Zeitgenosse Sulpicius Severus verfasst hat. Sie ist eine Heiligenvita, keine nüchterne Biografie, aber sie ist die Quelle fast aller Martinsgeschichten.
Die bekannteste spielt an einem eisigen Wintertag vor dem Stadttor von Amiens in Nordfrankreich. Dort sitzt ein frierender Bettler. Martin hat nichts bei sich außer seinen Waffen und seinem Mantel. Also teilt er den Mantel mit dem Schwert und gibt dem Mann eine Hälfte. In der folgenden Nacht, so erzählt es die Vita, erscheint ihm Christus im Traum, bekleidet mit genau diesem halben Mantel.
Martin ließ sich taufen, verließ später das Heer und lebte als Mönch. Im Jahr 371 oder 372 wurde er Bischof von Tours. Er starb am 8. November 397 und wurde am 11. November in Tours beigesetzt. Dieser Tag der Beisetzung ist bis heute sein Gedenktag.
Warum ausgerechnet eine Gans?
Für die Gans gibt es gleich mehrere Erklärungen, und wahrscheinlich stimmen sie alle ein bisschen.
Die schönste ist die Legende. Als die Leute von Tours Martin zu ihrem Bischof machen wollten, hielt er sich dafür nicht für würdig und versteckte sich in einem Gänsestall. Die Gänse schnatterten so laut, dass man ihn fand. Seitdem, so erzählt man augenzwinkernd, müssen sie dafür jedes Jahr im November büßen.
Die nüchterne Erklärung hat mit dem Kalender zu tun. Der Martinstag war über Jahrhunderte ein wichtiger Stichtag: Pacht und Zins wurden fällig, Knechte und Mägde bekamen ihren Lohn und wechselten oft die Stelle. Bezahlt wurde häufig in Naturalien, und eine Gans war im Spätherbst gut gemästet. Ein Tier über den Winter durchzufüttern hätte dagegen Futter gekostet.
Dazu kommt das Fasten. Vielerorts begann nach dem Martinstag früher eine Fastenzeit vor Weihnachten. Bevor es mager wurde, gab es also noch einmal einen ordentlichen Braten. Das erklärt übrigens auch, warum im Rheinland der Karneval am 11.11. um 11:11 Uhr seine neue Session eröffnet: Auch hier steht ein Fest vor einer Zeit des Verzichts, und die Elf gilt als Zahl der Narren.

Der Weckmann und seine Pfeife
Ab Anfang November liegen in rheinischen Bäckereien kleine Männer aus süßem Hefeteig in der Auslage. Rosinen als Augen und Knöpfe, und im Arm eine kleine weiße Tonpfeife. In Köln heißt er Weckmann, in Westfalen und im Ruhrgebiet Stutenkerl, anderswo auch Martinsmann.
Die Pfeife wirkt auf den ersten Blick seltsam für eine Figur, die mit einem Bischof zu tun haben soll. Eine verbreitete Deutung lautet: Ursprünglich trug der Teigmann einen Bischofsstab. Irgendwann wurde daraus, warum auch immer, eine Pfeife, und die steckt man heute meist mit dem Kopf nach oben in den Teig. Belegen lässt sich diese Geschichte nicht sicher, aber sie wird in fast jeder Bäckerei gern erzählt.
Meine Tochter interessiert sich weniger für die Herkunft als für die Frage, ob man mit der Pfeife Seifenblasen machen kann. Kann man, ein bisschen. Mit Spülmittelwasser und viel Pusten.
Warum Laternen?
Hier wird es ehrlich gesagt etwas unschärfer. Licht im dunklen November passt natürlich gut zu einem Heiligen, der für Nächstenliebe steht, und in kirchlichen Texten wird das auch so gedeutet: Martin hat Licht in die Dunkelheit gebracht. Wann genau Kinder anfingen, mit Laternen loszuziehen, lässt sich nicht auf ein Jahr festnageln.
Organisierte Martinszüge, wie wir sie heute kennen, mit Reiter, Musikkapelle und Martinsfeuer am Ende, haben sich vor allem im Rheinland seit dem 19. Jahrhundert verbreitet. Vorher gab es vielerorts Martinsfeuer und Heischebräuche: Kinder zogen von Haus zu Haus, sangen und bekamen dafür Obst, Nüsse oder Gebäck. Das hat sich in manchen Gegenden bis heute gehalten, mit Süßigkeiten statt Nüssen.
Und die Lieder? „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“ erzählt die Mantelgeschichte nach, „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ kann bei uns jedes Kitakind spätestens Ende Oktober auswendig. Ich inzwischen auch, unfreiwillig.
LED-Stab oder Kerze: Was in die Laterne gehört
Jetzt zu dem Teil, bei dem ich mich auskenne. Früher steckte in jeder Laterne ein Teelicht oder eine kleine Kerze. Viele Eltern haben noch das Bild im Kopf, wie eine Laterne vor ihnen in Flammen aufging. Ich auch: Bei mir war es die Laterne meines Sitznachbarn, Klasse zwei, ein Papiermond, der in zehn Sekunden verschwunden war.
Bei kleinen Kindern rate ich klar zum batteriebetriebenen LED-Stab. Die Gründe:
- Papier und Flamme vertragen sich schlecht. Kippt die Laterne, weil das Kind stolpert oder sie schwenkt, fängt das Papier sehr schnell Feuer.
- Kinder können eine Flamme nicht kontrollieren. Sie schauen beim Laufen nach vorne, zum Pferd, zu den Freunden, aber nicht in ihre Laterne.
- Ein LED-Stab wird kaum warm. Das Kind kann die Laterne am Ende auch einfach auf den Boden legen, ohne dass etwas passiert.
- Er hält länger. Ein Teelicht im Wind geht ständig aus, der Stab leuchtet den ganzen Zug lang.
Wer bei älteren Kindern oder aus Nostalgie doch eine Kerze nimmt, sollte ein paar Dinge beachten. Verwenden Sie einen stabilen Kerzenhalter, der fest im Laternenboden sitzt, und eine kurze Kerze, die nicht bis an den Deckel reicht. Ein Erwachsener zündet an und bleibt in der Nähe. Für den Notfall hilft eine Flasche Wasser im Rucksack mehr als jede Ermahnung.
Eine echte Kerze hinterlässt außerdem Spuren. Tropft Wachs auf die Jacke oder später zu Hause auf den Teppich, hilft der Bügeleisen-Trick aus unserem Artikel Kerzenwachs entfernen. Das ist mir nach dem letzten Martinsfeuer mit meinem Wollschal tatsächlich passiert.
Die Laterne aufbewahren und wiederverwenden
Eine selbst gebastelte Laterne steckt voller Arbeit, und nach einem Abend im Nieselregen sieht sie oft traurig aus. Damit sie das nächste Jahr erlebt:
- Trocknen lassen. Nach dem Zug nicht sofort in den Schrank, sondern über Nacht offen in einem warmen Raum stehen lassen. Feuchtes Papier im geschlossenen Karton kann muffig werden.
- Batterien aus dem LED-Stab nehmen. Sonst laufen sie bis zum nächsten November womöglich aus und verkleben das Batteriefach.
- Flach oder einzeln lagern. Viele Laternen lassen sich wie eine Ziehharmonika zusammenschieben. Ein Schuhkarton mit etwas Seidenpapier reicht.
- Ehrlich aussortieren. Wir behalten pro Jahr eine Laterne. Die anderen dürfen nach Weihnachten ins Altpapier, nachdem das Kind sie noch einmal angesehen hat.
Was bleibt vom Martinstag
Was mir an Sankt Martin gefällt: Unter dem ganzen Drumherum mit Gans, Weckmann und Laternenliedern steckt eine sehr einfache Geschichte. Jemand hat nicht viel, teilt aber trotzdem. In manchen Kitas sammeln die Kinder vor dem Zug deshalb auch etwas für Bedürftige, warme Socken, Mützen oder haltbare Lebensmittel. Das erklärt den Brauch besser als jeder Text von mir.
Unser Fuchs ist übrigens fast fertig. Es fehlt noch der Schwanz. Und ein LED-Stab mit frischen Batterien, den habe ich gestern gekauft.
Häufige Fragen
Warum ist der Martinstag am 11. November?
Martin von Tours starb am 8. November 397 und wurde am 11. November in Tours beigesetzt. Der Tag der Beisetzung wurde zu seinem Gedenktag. Deshalb feiern wir Sankt Martin am 11. November.
Warum isst man an Sankt Martin Gans?
Der Legende nach verrieten schnatternde Gänse Martins Versteck, als er nicht Bischof werden wollte. Dazu kommt, dass der Martinstag früher ein Zahltag für Pacht und Lohn war, oft in Naturalien, und dass danach vielerorts eine Fastenzeit vor Weihnachten begann.
Warum hat der Weckmann eine Pfeife?
Sicher belegt ist das nicht. Eine verbreitete Deutung besagt, dass die Figur ursprünglich einen Bischofsstab trug, der später zur Tonpfeife wurde. Im Rheinland heißt das Gebäck Weckmann, in Westfalen Stutenkerl.
Ist eine Kerze in der Laterne erlaubt?
Ein allgemeines Verbot gibt es nicht, viele Kitas und Schulen bitten aber ausdrücklich um LED-Stäbe. Für kleine Kinder ist ein batteriebetriebener Stab die sicherere Wahl, weil Papierlaternen schnell Feuer fangen, wenn sie kippen.
Quellen und Grundlagen
- Sulpicius Severus: Lebensbeschreibung des heiligen Martin (Vita Sancti Martini)
- Kirchenjahr: Gedenktag des heiligen Martin von Tours am 11. November
- Volkskundliche Darstellungen zu Martinsbrauchtum im Rheinland und in Westfalen
- Hinweise der Feuerwehren zum sicheren Umgang mit Kerzen und offenem Feuer
Stand: 31. Oktober 2026.
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